chevron_left
chevron_right

Digital

«Wir wissen, was ankommt»

Als Co-CEO führen die Gründerinnen Gaby Stäheli und Priska Schoch das Offertenportal Gryps seit 2010.
Foto: zVg

Onlinebeschaffung hat sich bei KMU noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Gerade Kopierer, Versicherungen, eine neue Telefonanlage oder andere Investitionskäufe werden heute von vielen Unternehmen immer noch über klassische Kanäle eingekauft. Mit der Gründung von Gryps Offertenportal leisten die Unternehmerinnen Gaby Stäheli und Priska Schoch einen Beitrag zur digitalen Transformation der KMU in der Schweiz.

Sie haben 2010 Gryps gegründet. Wie kam es dazu?
Gaby Stäheli Ursprünglich kam die Initiative von mir. Nach vielen Jahren bei IT-Grossfirmen wurde mir klar, dass ich im Bereich Internet-Plattformen ein Startup gründen wollte. Bei der Suche nach einer Geschäfts-idee stellte ich fest, dass es in der Schweiz im B2B-Bereich für den nicht-strategischen Einkauf kein Angebot gibt. Mir war gleich klar, dass ein Offertenportal für KMU in der Schweiz Potenzial bietet. Mit dieser Idee bin ich dann auf Priska zugegangen.

Woher kannten Sie sich?
Priska Schoch Wir waren beide lange für IBM tätig. Als Mütter schulpflichtiger Kinder wurde uns die Gelegenheit geboten, im Job-Sharing ein Team von 18 Leuten zu leiten. Die Zusammenarbeit mit Gaby war enorm gewinnbringend und funktionierte super. Wir ergänzen uns gut und können uns gegenseitig voll vertrauen. Ich liess mich deshalb von Gabys Idee ein Offertenportal zu gründen, gerne anstecken. Natürlich reizte mich auch die Chance, etwas Neues aufzubauen.

Wie verlief der Start?
Schoch Zunächst haben wir den Markt mit einer einfachen selbstentwickelten Plattform getestet. Als wir wussten, dass das Konzept im Markt ankommt, haben wir Investoren gesucht. 

Stäheli Mit dem Investorenkapital konnten wir technologisch einen Quantensprung vornehmen und unsere Plattform und unser Geschäft skalieren. 

Schoch Am 4. Januar 2010 bezogen wir unsere ersten Büroräume in Rapperswil SG. Online ging die Webseite etwa einen Monat später. Dann haben wir getan, was Neugründer eben tun: Basisarbeit geleistet. Wir haben mit null Anbietern angefangen, heute sind es über 3200. Jeder einzelne musste am Anfang persönlich gewonnen werden. Das heisst: Telefonhörer für die Kaltakquise in die Hand nehmen und Überzeugungsarbeit leisten.

Können Sie kurz erklären wie Gryps funktioniert?
Stäheli Wir bringen Kaufinteressenten mit den bei uns registrierten Anbietern zusammen. Damit helfen wir KMU, Einkauf und Offertenvergleich zu verkürzen und zu vereinfachen. Sucht ein KMU zum Beispiel einen Treuhänder, kann es über gryps.ch seine Kriterien eingeben, und wir vermitteln diesem bis zu drei passende Anbieter, die dann offerieren können. Damit ist unser Job erledigt. Am Abschluss sind wir nicht beteiligt. 

Wie selektieren Sie die Anbieter vor? 
Stäheli Wir wählen jene Anbieter aus, die zur Grösse und zu den Bedürfnissen der Firma passen. Ist es ein Grossunternehmen oder ein Startup? Werden Anbieter aus der Region gewünscht? Welches Know-how wird benötigt? Unser Ziel ist es, den perfekten Match für beide Seiten zu erzielen. 

Und wer trifft die Auswahl? 
Stäheli Aus Effizienzgründen haben wir so viel wie möglich automatisiert. Für uns ist aber auch eine hohe Lead-Qualität wichtig, deshalb gibt es im Prozess auch zwei manuelle Eingriffe. Zunächst klären wir in einem Telefongespräch mit dem Kaufinteressenten detailliert sein Bedürfnis auf Grundlage der von ihm online eingegebenen Informationen. Auch die definitive Anbieterauswahl nehmen wir individuell vor – aufgrund unserer Erfahrungen, der Kunden-Ratings und weiterer Kriterien.

Sie haben bei Null angefangen, heute vermitteln Sie den 3200 registrierten Anbietern ein jährliches Umsatzvolumen von derzeit über 100 Millionen Franken. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Schoch
Vor acht Jahren waren wir mit Gryps Pioniere, dies brachte uns einen Marktvorsprung. Entscheidend war aber auch, dass wir von Anfang an viel Wert auf die Qualität unseres Services und den persönlichen Kontakt legten. Zu dieser Zeit hatten viele KMU negative Erfahrungen mit Plattformen gemacht. Wir wussten deshalb, wie wichtig es ist, Vertrauen zu schaffen. Gryps ist nicht einfach ein virtuelles Unternehmen, wir sind für Kaufinteressenten und Anbieter persönlich erreichbar.

Ihre Vision ist es, zur KMU-Drehscheibe Schweiz zu werden. Was ist damit gemeint?
Schoch KMU sind in ihrem Kerngeschäft und ihrer Branche bereits gut aufgehoben. Für alles, was ausserhalb läuft, gibt es jedoch kein umfassendes Angebot. Diese Lücke möchten wir füllen. So werden wir KMU in Zukunft unsere Plattform für Wissens- und Erfahrungsaustausch zur Verfügung stellen. Dort können diese den Anbietern Fragen zu Produkten und Dienstleistungen stellen. Oder sich mit anderen KMU austauschen. Auch sind wir daran, Gryps mit anderen KMU-Plattformen zu vernetzen, um Unternehmen einen einfachen Zugang zu weiteren relevanten Services bieten zu können.

Mit welchen Plattformen kooperieren Sie bereits?
Stäheli Ein Partner ist der ERP-Anbieter bexio, wir sind direkt im Tool von bexio integriert. Bexio-Nutzer können so direkt aus der Software auf unseren Offertenservice zugreifen. Wir arbeiten auch mit der Swisscom-Tochter Connextrade zusammen, einem E-Procurement-Tool für den digitalen Einkauf von Grossfirmen. Auch dort sind wir direkt in der Software integriert. Wir bauen Schritt für Schritt solche Partnerschaften aus. 

Welche Vorteile bietet den KMU eine solche Drehscheibe? 
Schoch Damit bewegen sich KMU in einer vernetzten, für sie relevanten Welt. Aus ihrer gewohnten Arbeitsumgebung oder direkt auf gryps.ch haben sie schnell und einfach Zugriff auf unterschiedlichste Angebote, hilfreiche Informationen und Austauschmöglichkeiten mit anderen KMU.

Was wird auf Gryps am stärksten nachgefragt? 
Stäheli Generell sind Büroinfrastrukturprodukte wie Kopierer, Telefonanlagen, Büromöbel oder Kaffeemaschinen sehr gefragt. Dann gibt es saisonale Peaks. Gerade jetzt im Herbst werden die Budgetrunden fürs nächste Jahr abgeschlossen, und so erhalten wir vermehrt Offertanfragen für Software wie etwa ERP sowie Infrastruktur-Produkte. In dieser Jahreszeit sind zudem Treuhand und Versicherungen sehr gefragt. Zudem lösen Aktualitäten wie gesetzliche Anpassungen «Kaufwellen» aus. Seit das Arbeitsgesetz angepasst wurde, haben wir eine sehr starke Nachfrage nach Zeiterfassungssystemen. 

Und was liegt aktuell im Trend?
Schoch Im technischen Bereich ist es die Cloud. Sie ist nun definitiv bei den KMU angekommen. Die Unternehmen prüfen dabei ihre Optionen aber genau: Was ist günstiger, Cloud-Version oder Client-Server-Lizenz? Dabei kommt es natürlich auch auf die Grösse der Firma an.

Und abgesehen von der Cloud?
Stäheli Im IT-Bereich sind Apps derzeit stark gefragt. Interessant dabei: Noch vor zwei Jahren sind Firmen oft mit App-Projekten auf uns zugekommen, die zu wenig durchdacht waren. Inzwischen sind die Anfragen viel differenzierter und sehr konkret. Aber auch im Bereich BVG-Lösungen gab es dieses Jahr einen kurzen Hype, als im Frühsommer AXA ihren Ausstieg aus der Vollversicherung bekannt gab. Solche Ereignisse spüren wir jeweils eins zu eins.

Wo steht Gryps in zehn Jahren?
Stäheli Unser Ziel ist es, dass uns jedes KMU in der Schweiz kennt und nutzt. Wir wollen weiter wachsen und zu gegebener Zeit den Schritt ins Nachbarland prüfen.