Forderung eines Transhumanisten an seine Bank

Bei der folgenden Mitteilung handelt es sich um einen Gastbeitrag von PPI Schweiz.

Wir publizieren an dieser Stelle öfter Beiträge, in denen wir das Thema Payment inkl. der entsprechenden Formate aus Sicht der Banken betrachten. Heute möchten wir den Blick jedoch auf den Endnutzer legen, denn nicht nur die Banken, sondern auch deren Kunden verändern sich. Bis anhin war es den Banken und einigen Fintechs vorbehalten neue Anwendungen hervorzubringen. Die Frage ist aber, wie flexibel sind die Finanzinstitute, wenn es andersherum läuft, wenn nämlich der Kunde ein neues Anwendungsfeld fordert?

Wir hatten das Vergnügen, uns mit dem Transhumanisten Mike Schaffner unterhalten zu können. Transhumanisten bezeichnet man in der hollywood’schen Science Fiction Terminologie auch als „Cyborgs“. Menschen also, die den eigenen Körper mit der Technik verschmelzen. Sie wollen ihre Fähigkeiten dadurch erweitern, ihren Alltag erleichtern und eines Tages vielleicht sogar dem Tod trotzen können. Mike Schaffner ist Campusleiter für hochbegabte Jugendliche, ist seinerseits selber hochbegabt, arbeitet bei mehreren Startups mit, teils als Angestellter, teils als Mitgründer, ist nebenher noch Barkeeper und verdient sich was mit Daytrading von Cryptocurrencies dazu. Einen Uniabschluss hat er nicht, aber als Hochbegabter holt er sich aus purem Interesse an der Uni einfach das Wissen, das er braucht. Dazu gehören Vorlesungen in Medizin genauso wie solche in den Fächern Mathematik, Informatik oder Physik.

Guten Tag Herr Schaffner,  Sie wirken auf mich durchaus menschlich, was ist anders an Ihnen?
(lacht) Ich glaube im Grossen und Ganzen nicht viel, ich habe in meinen Händen im Moment vier Implantate, zwei davon sind rein für die erweiterte Wahrnehmung und zwei Mikrochips für die Drahtloskommunikation.

Den ersten Chip haben Sie sich bereits vor einigen Jahren unter die Haut setzen lassen, zwischen Daumen und Zeigefinger, inwiefern bereichert dieser Chip heute noch Ihr Leben, was können Sie damit machen?
Der erste Chip, den ich mir einsetzen lassen habe, ist im Moment noch mein Hausschlüssel. Mittlerweile hat er keine andere Funktion mehr. Ich halte also zuhause meine Hand an die Türe, das Schloss reagiert und springt auf.

Und das können nur Sie, kann man das nicht hacken?
Man könnte das vermutlich schon hacken, es ist jedoch ein Kaba-Schloss und ich denke, dass das Hacken relativ aufwändig wäre.

Und diesen Chip haben Sie von Kaba direkt bekommen?
Nein, den habe ich von Dangerous Things aus dem Internet. Das ist einer der grossen Chiphersteller für den Menschengebrauch. Ich habe ihn mir dann zuhause am Küchentisch selber eingesetzt und danach entsprechende Applikationen gesucht, mit denen ich ihn betreiben kann. Früher nutzte ich ihn aber auch z.B. um mein Smartphone und meinen Computer zu entsperren, das war noch vor der Zeit mit Face-ID und Fingerprint. So hatte ich damit zum Beispiel Zugang auf mein grosses Passwortfile, wo sämtliche Passwörter, teilweise mit über 40 Zeichen, hinterlegt waren. Sobald ich das File mit dem Chip öffnete, wurde das registriert und das entsprechende Passwort automatisch abgefüllt.

Also eine extreme Erleichterung im Arbeitsalltag, die man sich z.B. auch im Büro vorstellen könnte?
Absolut, ja. Im Büro kann man das natürlich easy auch über einen Badge lösen, den man auf sich trägt. Da besteht dann aber immer noch die Gefahr, dass er geklaut wird, ich ihn zuhause vergesse oder unterwegs verliere. Mit den Implantaten könnte man überhaupt alle Badges ersetzen. Der Chip ist in der Hand und ist safe. Beim Stellenwechsel wird das Implantat einfach neu überschrieben. Man kann einerseits Daten draufladen, wie z.B. die Visitenkarte, Informationen über die Blutgruppe, etc. oder man nutzt die chipeigene ID, die man in der Datenbank mit weiteren Informationen verknüpfen kann. D.h. ich kann diese ID bei der SBB, beim Arbeitgeber oder wo auch immer hinterlegen und werde darüber somit als ICH identifiziert. Ich brauche also all die Daten nicht auf dem Chip direkt, sondern die Chip-ID ersetzt das. Die Datenbank der SBB müsste somit lediglich um ein einziges Feld, das die Chip-ID enthält, erweitert werden und ich wäre im Handumdrehen GA-tauglich (lacht). So hätte ich den Swisspass immer bei mir und er könnte mit den gleichen Geräten, die die Kontrolleure heute bereits im Einsatz haben, gelesen werden.

Was war der Auslöser, dass Sie sich entschieden haben, Ihren Körper mit technischen Hilfsmitteln zu erweitern?
Das hat bei mir schon als Kind angefangen, als ich die Serie „The 6 Million Dollar Man“ gesehen hatte und völlig fasziniert war von der Idee, Mensch und Maschine zu kombinieren. Ich war grundsätzlich immer ein riesiger Comic Fan und interessierte mich seit je her für Superfähigkeiten. Schliesslich sind die Chips unter meiner Haut im Moment die einzige Möglichkeit, wie ich mich dieser Faszination nähern kann.

 

Als einer von vielen tausend Transhumanisten weltweit, wie selbstverständlich ist es da, sich mit der Community auszutauschen? Suchen Sie diesen Austausch aktiv oder beantworten Sie einfach Fragen, falls jemand auf Sie zukommt?
Sowohl als auch. Ich beantworte gerne Fragen. Für mich ist es vor allem wichtig, meinen Standpunkt gegen aussen zu vertreten und erklären zu können, warum ich das Ganze mache. Andererseits gibt es innerhalb der Community auch einen sehr spannenden und regen Austausch, weil ganz unterschiedliche Sichtweisen darin vertreten sind. Da finden sich Biologen, Techniker, Mediziner, Neuroprothetiker, Enthusiasten, und und und. Viele von ihnen basteln und forschen auch selber. Dadurch ist die Community sehr aktiv. Ich selber arbeite zum Beispiel gerade an einem Blutkraftwerk, das in die Blutbahn eingesetzt werden und Strom für gewisse Anwendungen produzieren kann, damit keine Batterien verpflanzt werden müssen. Wir sprechen hier aber natürlich von ganz tiefen Stromspannungen.

Für die kleinen Chips?
Nein, die kleinen Chips sind passiv. Gedacht ist die Stromversorgung für etwas grössere Gerätschaften wie Bluetooth- oder Wlan – fähige Anwendungen. Hier braucht es ein Minimum von 1.5 Volt Spannung.

Inwiefern machen die implantierten Chips Sie besser als uns herkömmliche Menschen? 
Ich würde nicht sagen, dass mich meine Chips besser machen, aber sie machen mein Leben etwas bequemer. Die beiden Magnete, die unter meiner Haut stecken sind ganz klar eine Sinneserweiterung. Ich besitze also einen Sinn mehr und kann damit elektrische Felder spüren. Z.B. erkenne ich damit bei mir zuhause, wie die Stromleitungen unter den Wänden verlaufen. Die Chips unter der Haut wiederum ersetzen Karten- oder Batchanwendungen und machen meinen Alltag somit bequemer, weil ich bei Bedarf nicht immer die richtige Karte hervorholen muss und sie auch nicht verlieren kann.

Sie gestalten Ihre eigene Evolution, aber mit dem rasanten Fortschritt der Technik altern diese Chips eigentlich rascher als Sie. Ich nehme an, es gibt mittlerweile viel leistungsfähigere Chips auf dem Markt als die, die Sie unter der Haut tragen.
Ja, absolut, es gibt leistungsfähigere Chips. Die sind etwas grösser und müssen dann auch von Experten mit Skalpell eingesetzt werden. Die kleineren kann ich mir aber selber einpflanzen, das ist überhaupt kein Problem.  Ich hatte auch einen grösseren implantiert, das sieht man hier (zeigt seine Hand mit Narbe), aber den musste ich nach vier Monaten wieder entfernen. Ich vermute, dass sich nicht beim Einsetzen sondern viel später Bakterien darauf ablagern und gedeihen konnten.  Das Gewebe drum herum entzündete sich auf einmal. Diese Sepsis-Gefahr besteht, wie auch bei Piercings oder bei Ohrringen, eigentlich immer. Das Risiko ist jedoch sehr gering. Ich hatte einfach Pech, denn die Entzündung war bei mir so heftig, dass mich das fast die Hand gekostet hätte.

Das hält Sie aber nicht davon ab, weiterzumachen?Nein im Gegenteil, als ich im Spital war, habe ich auf meinem Handy bereits nach guten Handprothesen gegoogelt (lacht). Nein, im Ernst, der nächste Chip ist bereits geplant. Ich wünsche mir einen Chip mit Bezahlfunktion. Gerade arbeiten wir daran, einen neueren Chip von Master Card zertifizieren zu lassen und ich hoffe sehr, dass uns das gelingt. Damit suchen wir dann eine Bank, die uns die Möglichkeit gibt, den Chip entsprechend als Kreditkarte einzusetzen.

Ist das eine weltweite Bestrebung oder agieren Sie hier diesbezüglich nur in der Schweiz?
Ich probiere es natürlich hier in der Schweiz. Mir ist nicht bekannt, wer das evtl. in anderen Ländern versucht. Ich muss davon ausgehen, dass der Chiphersteller auch an einer ähnlichen Lösung arbeitet, aber das geht mir zu langsam, deshalb versuche ich das selber voranzutreiben.

Interessanter für mich wäre es jedoch, wenn ich eine Bank finden kann, die es mir erlaubt, den NFC-Chip der EC-Karte unter meine Haut zu setzen. So könnten die Einkäufe direkt dem Konto belastet werden, ohne den Umweg über das Kreditkarteninstitut. Ich war diesbezüglich mal in Kontakt mit der UBS, die hatten aber kein offenes Ohr für mein Anliegen. Ich verstehe auch nicht, warum daraus so ein riesen Ding gemacht wird. Ich bitte die Bank lediglich darum, dass sie den NFC-fähigen Chip nicht in meine EC-Karte setzen, sondern mir zukommen lassen. Dann kann ich ihn mir implantieren. Und wenn die Bank Bedenken hat wegen der Sicherheit, dann können sie mir den kontaktlosen Freibetrag von CHF 40.- gerne auf 0.- runtersetzen. So habe ich immer die 2-Faktor Identifikation und müsste jedes Mal beim Bezahlen meine PIN eingeben. Das würde ich auf mich nehmen, wenn ich dafür meine Brieftasche zuhause lassen kann.

Können Sie sich vorstellen, dass die PIN mittelfristig ersetzt wird durch biometrische Faktoren?
Eigentlich nicht, denn Fingerabdrücke können relativ einfach gefälscht werden und es ist aufwändiger, jedes Mal an der Kasse die Iris scannen zu lassen als einfach die PIN einzugeben. Trotz Fortschritt soll der Vorgang anwenderfreundlich bleiben.

Wo sehen Sie die Gefahr dieser Bestrebung, dass der Mensch zur Maschine wird? Wenn zum Beispiel Prothesen auf den Markt kommen, die viel stärker sind als ein herkömmlicher Arm… Wo hört das für Sie auf?Das ist schwierig zu sagen. Ich möchte so gut wie möglich sein, d.h. wenn ich eine Prothese habe, die bessere Möglichkeiten bietet als das biologische Original, dann sehe ich rational keinen Grund an meiner Biologie festzuhalten. Ich bin sofort bereit meine Gliedmassen zu ersetzen, wenn ich dafür technisch überlegene Gerätschaften bekomme, die mir mehr Möglichkeiten bieten.

Was glauben Sie, wie lange dauert es, bis die Neuroprothetik soweit ist?
Es gibt heute bereits erste Matten, die ein „Gespür-Feedback“ zurück ans Hirn liefern können. Damit überziehen sie nun Prothesen. Ich gehe davon aus, dass wir bereits in ca. zehn Jahren soweit sind, dass die Prothesen der Biologie in nichts mehr nachstehen.

Es gibt drei wichtige erklärte Ziele der Transhumanisten, die es zu erreichen gilt. Diese sind: Super Langlebigkeit, super Intelligenz und super Lebensqualität. Wann glauben Sie kann unsere Gesellschaft das erreichen?
Es wird immer Leute geben, die die Neuerungen, die unter anderem Transhumanisten anstreben, nicht mittragen. Das sieht man auch bei anderen Themen. Sobald etwas anders daherkommt als sich das die Mehrheit gewohnt ist, wird es prinzipielle erstmal abgelehnt oder seltsam angeschaut. Das braucht sehr viel Zeit um da eine Veränderung in den Köpfen herbeizuführen. Aber letztlich will niemand von uns sterben. Und wenn es uns gelingt, Möglichkeiten zu schaffen, die das Sterben hinauszögern, dann haben plötzlich alle Interesse daran, das kann dann sehr schnell gehen. Vielleicht wird dann auch die Ökologie wieder viel wichtiger werden, weil wir viel länger leben und dem Planeten Erde dadurch mehr Sorge tragen müssen. Der Planet muss dann sauber sein, weil wir viel länger hier sind. Das wiederum wird zu mehr Lebensqualität führen, was durchaus willkommen ist, wenn man einen Zeithorizont von vielleicht 200 oder sogar 400 Jahren hat.

 

Zu unserer Leserschaft gehören viele Banker, wenn wir nochmal zurückgehen zu Bankdienstleistungen, wie sieht die optimale Bank für einen Transhumanisten aus?
Die optimale Bank…? Im Moment würde es –wie bereits erwähnt- sehr viele Leute, die ich kenne, glücklich machen, wenn sie sich einen Bezahlchip unter die Haut setzen könnten. Das ist schliesslich sehr naheliegend. Ich nehme aber an, dass es noch einige Möglichkeiten gibt, das Banking effizienter zu machen. Zum Beispiel gibt es ein Unternehmen in London, das mit Fiat-Währungen auf Blockchainbasis arbeitet. Sie machen damit Realtimetransaktionen möglich, resp. brauche ich kein Geld mehr zu wechseln, wenn ich ins Ausland reise, sondern kann einfach meine Kontowährung realtime in die des Ziellandes wechseln und vor Ort ganz normal mit der Karte bezahlen oder Bargeld beziehen, wie zuhause auch. Wenn das die Grossbanken adaptieren würden, wäre das sicherlich für viele Menschen ein Mehrwert. Das hat aber nicht zwingend was mit Transhumanisten zu tun.

Könnten Sie sich auch vorstellen, Ihre Bitcoin-Wallet unter der Haut zu tragen?
(lacht)Das hatte ich bereits 2013. Damit habe ich dann in Holland bezahlt. Der Bezahlvorgang dauerte halt einige Zeit, aber es war ein lustiger Gag. Man muss jedoch anmerken, dass der Bitcoin-Kurs damals noch wesentlich tiefer lag als heute (lacht).

Herr Schaffner, ganz herzlichen Dank für dieses Interview.

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PS: Wir von PPI Schweiz würden uns sehr freuen, wenn wir eine Bank mit Herrn Schaffner zusammenbringen könnten, die das Experiment mit dem EC-Chip unter seiner Haut mit ihm wagt oder zumindest Möglichkeiten prüft. Grosse Medienwirksamkeit und somit Gratis-PR für das Finanzinstitut wagen wir zu garantieren.

Dieses Interview wurde von Matthias Hungerbühler geführt.

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